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Ernst Meyer (1927) Spartakus im Kriege - Einleitung

dimanche 19 octobre 2025, par Alex

1. Der vorliegende Band enthält die wichtigsten Dokumente des Spartakusbundes bis zu seiner Umwandlung in die Kommunistische Partei Deutschlands im Dezember 1918. An der Hand von ihnen läßt sich die allmähliche Loslösung dieser revolutionären Gruppe von der alten Sozialdemokratie und ihre Scheidung von der Unabhängigen Sozialdemokratie verfolgen. Die Flugblätter geben zugleich ein Bild von der ungeheuren illegalen und revolutionären Arbeit, die den Spartakusbund zum gefürchtetsten -Gegner der Imperialisten und Konterrevolutionäre in Deutschland machte. Sie können auch heute, in der Zeit der wiederum sich steigernden Kriegsgefahr, als anfeuerndes Beispiel unermüdlicher revolutionärer Arbeit dienen.

2. Der Spartakusbund ist entstanden aus dem linken Flügel innerhalb der SPD, der unter der Führung von Rosa Luxemburg und Franz Mehring schon in der Vorkriegszeit nicht nur den Revisionismus und Reformismus bekämpfte, sondern auch zu den entschiedenen Gegnern des Kautsky’schen Zentrismus gehörte.

3. Zwar kam für den radikalen, linken Flügel in der SPD. der ungeheuere Verrat der Kriegskreditbewilligung am 4. August 1914 ebenso unerwartet, wie für die übrigen, auf dem linken Flügelkämpfenden Mitglieder der 2. Internationale, der auch die Bolschewiki angelıörten. Aber daß das „Zentrum“ prak- tisch rnit dem Retorınismus gehen würde, hatte Rosa Luxem- burg schon nach dem Jenaer Parteitag der SPD. vom Jahre 1913 in einem (von der Redaktion der Leipziger Volkszeitung zurückgewiesenen) Artikel auf Grund der Jenaer Debatten über den Imperialismus klar folgendermaßen formuliert :

Wer diesmal zusammen mit diesem revisionistischen Drittel die Mehrheit gebildet hat, das war jene unentschlossene und schwankende Schicht der Mitte, die Bebel in Dresden, nach den bekannten Bezeichnungen des Konvents der Großen Französischen Revolution, den Sumpf genannt hat (...) Während der ganzen letzten Periode der Kämpfe mit dem Revisionismus unterstützte der Sumpf den linken Flügel der Partei (...) Die imperialistische Periode, die verschärften Verhältnisse der letzten Jahre stellen uns aber vor neue Situationen und Aufgaben. (...) Hier versagt zunächst der „Sumpf“. Als konservatives Element wendet er sich jetzt genauso gegen die vorwärtsstrebende Linke, wie er sich bis jetzt gegen die rückwärtsstrebende Rechte wendete. (...) Diese neue Konstellation ist kein Zufall, sie ergibt sich logisch aus den Verschiebungen in den äußeren und inneren Bedingungen unseres Parteilebens, und wir tun gut, das Andauern dieser Konstellation vielleicht für eine Reihe von Jahren in Aussicht zu nehmen, wenn nicht äußere Ereignisse den Gang der Entwicklung plötzlich beschleunigen.

4. Die von Rosa Luxemburg genannten Gründe führten dazu, daß am 4. August 1914 sich nur ein ganz kleines Häuflein von aufrechten Genossen um Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Klara Zetkin und Marchlewski (Karski) scharten.

5. „Die Opposition", wie sie schlechtweg von den Gegnern genannt wurde, suchte mit allen Mitteln die sozialdemokratischen- Arbeiter, die in den letzten Julitagen in ehrlicher Überzeugung die Friedensdemonstrationen des Parteivorstandes mitgemacht hatten, für sich zu gewinnen. Einige Genossen verfaßten Referentenmaterial für die Mitglieder- und öffentlichen Versammlungen, und die Gesinnungsgenossen im ganzen Reich mit Tatsachen und Argumenten zu versorgen, da die sozialdemokratische Presse unter der doppelten Zensur der Militärbehörden und des Parteivorstandes der Opposition verschlossen blieb. Auch die Satire fehlte nicht, wie die Umdichtung des Sozialistenmarsches (Dokument 2) beweist. Der Parteivorstand leitete gegen den angeblichen Verfasser des Gedichtes Hermann Duncker « ein hochnotpeinliches Untersuchungsverfahren ein und verbot auch bald das Referentenmaterial.

6. Die mutige Tat der erstmaligen Ablehnung der Kriegskredite im Reichstage durch Karl Liebknecht am 2. Dezember 1914 fand in den Massen ein gewaltiges Echo. Da Liebknechts- antiimperialistische Erklärung zu seiner Abstimmung weder in das amtliche Reichstagsprotokoll aufgenommen, noch in der ? Presse veröffentlicht werden durfte, wurde diese Begründung in Tausenden von Exemplaren illegal verbreitet [Dokument 3]. Die Anhänger der Kreditbewilligung hüteten sich, Liebknecht sachlich zu widerlegen. Sie begnügten sich mit dem Geschrei über Bruch der Fraktionsdisziplin, worauf Liebknecht in einem Flugblatt [Dokument 4] nachwies, daß die Revisionisten fest. entschlossen waren, sogar einem Fralktionsbeschluß auf bloße Stimmenthaltung nicht Folge zu leisten. Dem Nachweis, -was unter Parteidisziplin im echten Sinne zu verstehen ist, dient außerdem der als Sonderdruck verbreitete Artikel „Parteidisziplin“ [Dokument 5] -Rosa Luxemburgs aus der von ihr gemeinschaftlich mit Mehring und Karski herausgegebenen Sozialdemokratischen Korrespondenz. Mit welchen Verleumdungen die Burgfriedenspolitiker sofort gegen die Opposition vorgingen, beweist der geharnischte Brief Mehrings an die Hamburger Parteigenossen (Dokument 6)

7. Neben der innerparteilichen Diskussion betrachtete die Opposition die Agitation unter den Massen von vornherein als ihre Aufgabe. Eines der ersten, noch in Schreibmaschinenschrift vervielfältigten Flugblätter ist der Aufruf ,,Die Welt speit Blut ", vom Winter 1914/15 (Dokument 7). Der Aufruf , der von dem Genossen Fritz Ausländer vefaßt ist, trägt noch einen stark pazifistischen Charakter und überschätzt auch die zentristischen Oppositionsströmungen im Auslande . Aber dieser Aufruf fand trotzdem ein starkes Echo und war neben der Abstimmung Karl Liebknechts vom 2. Dezember 1914 eines der ersten Dokumente, das in- und außerhalb Deutschlands Kunde von dem Friedenswillen des deutschen Proletariats gab . Eine noch stärkere Wirkung hatte dann das von Karl Liebknecht verfaßte Flugblatt ,,Der Hauptfeind steht im eigenen Land" (Dokument 8) anläßlich der Kriegserklärung Italiens.

8. Die theoretischen und praktisch-politischen Mängel des Auftretens der Opposition waren den Führern der linken Opposition durchaus bewußt. Zur Überwindung dieser Schwächen schufen Rosa Luxemburg und Franz Mehring im April 1915 ,,Die Internationale" , eine Monatsschrift für Praxis und Theorie des Marxismus, die legal erschien und sofort von den Militär- und Justizbehörden verboten wurde. Mehring bezeichnete in seiner Einleitung als Programm der Zeitschrift : „Selbstverständigung über die Kämpfe der Zeit" , und Rosa Luxemburg formulierte die Aufgabe der Sozialisten knapp und treffend : Entweder Bethmann Hollweg oder Liebknecht. Entweder Imperialismus oder Sozialismus, wie ihn Marx verstand."

9. Der sozialdemokratische Parteivorstand wußte gegenüber der vernichtenden Kritik seiner Politik nichts anderes zu sagen, als über Zerstörung der Partei durch die Opposition zu schimpfen . Herausgeber und Mitarbeiter der Zeitschrift antworteten darauf mit einem als Flugblatt verbreiteten Protest (Dokument 9), der offensiv gehalten den Parteivorstand und seine Anhänger von neuem des Verrats an den Beschlüssen der internationalen Kongresse anklagt.

10. Wie tapfer und sicher auch sonst Franz Mehring die Klinge führte, beweist sein als Flugblatt verbreiteter Artikel der Bremer Bürgerzeitung gegen den Umlerner Konrad Hänish : „Wohin geht die Reise ?“ (Dokument 10) und sein gegen den Sozialverräter Paul Lensch gerichtetes, ebenfalls gedruckt vertriebenes Schreiben an den Parteiausschuß von 12. Juli 1915 (Dokument 11)

11. Während R o s a L u x e ın b u r g eine bereits vor dem Kriege verhängte einjährige Gefängnisstrafe wegen ihres Kampfes gegen den Militarismus antreten und Klara Zetkin wegen ihrer Antikriegs-Propaganda ins Untersuchungsgefängnis wandern mußte, gaben sich die sozialdemokratischen Führer auf Grund des mit Hindenburg geschlossenen Burgfriedens in immer größere Abhängigkeit von dem deutschen Generalstab, Einzelne Reichstagsabgeordnete hatten schon bei Beginn des Krieges im Auslande massenhaft das deutsche Weißbuch verbreitet, das von der deutschen Regierung zu ihrer und des Kaisers Reinwaschung von der Kriegsschuld zusammen gefälscht worden war. Immer schamloser wurde ihre Propaganda zugunsten des deutschen kriegführenden Imperialismus, und schließlich scheuten sie sich nicht, als Gäste im kaiserlichen Hauptquartier zu erscheinen, während ihre Parteigenossen in den Gefängnissen saßen und in den Schützengräben verbluteten. So entstand das auf Grund von Originalphotographien zusammengestellte Flugblatt „Bilder ohne Worte" (vergleiche Abbildung), das wie alle diese Flugblätter sofort verboten wurde.

12. Im Frühjahr 1915 hatte die Opposition bereits tiefe Wurzeln gefaßt. Wie groß der Unwille selbst in den Kreisen der sozialdemokratischen Funktionäre über die Burgfriedenspolitik war, zeigt das vom 9. Juni 1915 datierte Protestschreiben an die Vorstände der Sozialdemokratischen Partei und der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion (Dokument 12], das von etwa 1000 Funktionären der Partei und der Gewerkschaften aus ganz Deutschland unterzeichnet wurde.

13. Das Schreiben vom 9. Juni richtete sich zwar formell nur gegen Partei- und Fraktionsvorstand, aber sachlich trat es auch die schwankenden Gestalten der Opposition, die ihren Mannesmut nur im Fraktionskämmerlein zeigten. Das Schreiben vom 9. Juni, dem Entwürfe von Karl Liebknecht und Georg Ledebour zugrunde lagen, nahm auf die Zögernden um Ledebour in der Form und zum Teil sogar in der Sache noch Rücksicht. Trotzdem war die Sprache deutlich genug ; das Schreiben endete mit einer nur wenig verhüllten Androhung der Parteispaltung.Rosa Luxemburg war Gegnerin dieses Zusammengehens mit der Ledebourschen Fraktionsminderheit ; al sein paar Monate später von ihr Thesen für eine Verständigung der linken Opposition ausgearbeitet wurden, warnte sie Karl Liebknecht ausdrücklich, diese Thesen den Ledebour-Leuten auch nur vorzulegen

14. Unter dem Druck des Protestschreibens vom 9. Juni bequemten sich Parteivorstand und Fraktion Anfang Juli dazu, ihrerseits Richtlinien und Aufrufe zur Friedensfrage zu erlassen. Aber es handelte sich dabei selbstverständlich nur um ein demagogisches Manöver. Sie sprachen vom Frieden, um zum „Durchhalten“ aufzufordern und luden die Verantwortung für die Fortsetzung des Krieges statt der eigenen Regierung den Regierungen und Sozialisten des Auslandes auf.

15. Ihre Friedensziele waren rein imperialistisch, wie aus der ausführlichen Antwort der Opposition „Krieg und Proletariat" [Dokument 13] hervorgeht. Wie wenig die Mitglieder von den Schritten des Parteivorstandes befriedigt waren, zeigt auch die Ansprache einer Frauen-Deputation [Dokument 14]. Gegen die unverschämten Annexions-Forderungen der Industriellen und bürgerlichen Professoren, deren Denkschriften die Opposition in Sonderabzügen verbreitete, richtete sich eine kleine Broschüre : „Der Annexionswahnsinn“ [Dokument15].

16. Die steigende Lebensmittelnot, die immer stärkere Heranziehung der Bevölkerung zum Heeresdienst und zur Arbeit in der Munitionsindustrie, das immer frechere Auftreten der bürgerlichen Annexionisten schufen für die Opposition einen günstigen Boden. Die vertraulichen Informationsbriefe erschienen da er in immer rascherer Folge. Die illegalen Flugblätter wurden in immer größerer Auflage verbreitet und nahmen selbst die Form von Broschüren an [vgl. Dokument 16 : „Wer hat die Schuld am Kriege ?“] Den ersten Friedensdemonstrationen vom Frühjahr 1915 folgten solche mit größerer Beteiligung. In den Fabriken wuchs die Gärung wegen der harten Arbeit und der ungenügenden Ernährung. Die erste Zimmerwalder Konferenz von Anfang September 1915 gab den gequälten. nach einem Ausweg suchenden Massen aller Länder die Gewißheit, daß auch jenseits der Schützengräben der Wille nach Kriegsbeendigung vorhanden war. Die für die Zimmerwalder Konferenz von Karl Liebknecht geprägte Losung : „Nicht Burgfrieden, sondern Burgkrieg" schlug zündend in die Massen. Ohne daß die entschiedene Opposition um Liebknecht und Luxemburg der Plattform der um die Bolschewiki sich scharenden „Zimmerwalder Linken" offiziell zustimmte, ergab sich in der Propaganda eine Annäherung an den Hauptpunkt der bolschewistischen Forderung : „Überleitung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg." In den illegalen Flugblättern für die Massenagitation, wie zum Beispiel in dem Anfang Dezember verbreiteten Flugblatt : „Ein Ende dem Winterfeldzug" [Dokument 17], gibt es noch rein pazifistische Sätze. Aber bei den inneren Auseinandersetzungen innerhalb der Opposition zeigte sich eine immer deutlichere Scheidung zwischen der Gruppe um Liebknecht und Luxemburg einerseits und der Gruppe der Fraktionsminderheit um Ledebour und Adolf Hoffmann andererseits. Die Weigerung dieser beiden in Zimmerwald, eine formelle Verpflichtung auf Ablehnung der Kriegskredite unter Bruch der Disziplin einzugehen, war nicht nur in Zimmerwald von den Vertretern der Liebknechtgruppe Ernst Meyer und Berta Thalheimer aufs schärfste bekämpft worden. Auch in Deutschland herrschte in breiteren Kreisen der Opposition eine starke Empörung über die Ablehnung der Taktik Liebknechts durch die Ledebourgruppe. Zwar gab es noch gemeinsame Besprechungen der Gesamtopposition. Aber beide Strömungen begannen gesondertes Informationsmaterial herauszugeben, und die eigenen Publıkatıonen der Ledebour-Richtung bewiesen da- bei, wie sehr diese Richtung unter dem Einfluß des zentristischen „Sumpfes" stand. -Das ist um so erklärlicher, wenn man’ sich daran erinnert, daß die Führer der Ledebour-Richtung waren : Hugo Haase, der zweimal die Begründung zur Bewilligung der Kriegskredite für die Mehrheit verlesen hatte Karl Kautsky, der die 2. Internationale „im wesentlichen als ein Friedensinstrument, aber „kein wirksames Werkzeug im Kriege" bezeichnete ; Eduard Bernstein ; der theoretische Begründer des Revisionismus und ententefreundliche Pazifist.

17. Als sich endlich am 21. Dezember 1915 ein Teil der Fraktionsminderheit entschloß, dem Beispiel Liebknechts zu folgen und die Kriegskredite auch in öffentlicher Sitzung des Reichstages abzulehnen, da fiel die Begründung für diesen Schritt so aus, das sie einer theoretischen Rechtfertigung der Kreditbewilliger gleichkam. Den Kampf gegen die zentristischen Auffassungen in aller Öffentlichkeit empfanden die Anhänger Liebknechts ebenso als revolutionäre Pflicht, wie den Kampf gegen Scheidemann und Bethmann Hollweg. Die Liebknechtgruppe hatte am 1. Januar 1916 bereits eine selbständige größere Reichskonferenz unter Ausschaltung der Ledebourgruppe abgehalten. Am 27. Januar 1916 gab sie den ersten, mit dem Pseudonym Spartacus bezeichneten politischen Brief heraus, der durch den Artikel Liebknechts "Die Dezember-Männer von 1915" eine scharfe Abgrenzung von der Ledebour-Gruppe vornahm.

18. Die Spartakusbriefe, die jetzt in rascher Folge erschienen, machten ein ungeheueres Aufsehen und bald bezeichnete man die Liebknecht-Anhänger, die Sich Selbst nach der Zeitschrift „Gruppe Internationale“ nannten, nur noch als Spar- takus-Leute. Der Name Spartakus vereinigte im Munde des Bürgers Seinen Haß gegen die kleine, aber rührige revolutionäre Gruppe, im Munde der revolutionären Arbeiter der ganzen Welt aber die Achtung und Anerkennung für den unbeugsamen, durch tausend Opfer gehärteten Willen zum Kampfe für die evolution.

19. Auf der Reichskonferenz vom Januar hatte die Spartakus- Gruppe als Plattform für ihre weitere Tätigkeit die von Rosa Luxemburg verfaßten Leitsätze [abgedruckt auch als Anhang zu ihrer Broschüre Junius, die Krise der Sozialdemokratie] angenommen. (Bei uns abgedruckt im Dokument 18.] Diese Thesen halten zwar der Kritik L e n in s [vergleiche im Sammelband „Gegen den Strom" seinen Aufsatz über die Juniusbroschüre] nicht stand, bedeuteten aber in den entscheidenden auch von Lenin anerkannten Punkten einen gewaltigen Fort- schritt gegenüber den zentristischen Auffassungen der Ledebour-Gruppe. Ledebour und Hoffmann stießen sich gerade an der Betonung der Unterordnung der nationalen Sektionen unter die Internationale. Sie nahmen damit vorweg die Argumente, die später von der Unabhängigen Sozialdemokratie- Deutschlands gegen die 21 Bedingungen des 2. Weltkongresses erhoben worden sind. Die Spartakusgruppe betrachtete aber gerade diese angegriffenen Sätze als so wichtig, daß sie sie fortan als Motto den meisten ihrer Flugblätter voransetzte. (Vgl. Rosa Luxemburgs Verteidigung der Leitsätze in ihrer Broschüre : „Entweder — oder“, Dokument 18.] ’

20. Alle Bemühungen der Ledebour-Gruppe, die Spaltung der Reichstagsfraktion und damit der Sozialdemokratischen Partei zu vermeiden, waren vergeblich. Eine harmlose Etats rede am 24. März 1-916 im Reichstage seitens eines Ledebour-Anhängers führte zum Ausschluß der ganzen Gruppe und zur Bildung der ’Fraktion „A r b e i t s g e m e in s c h a f t". Die parlamentarische Tätigkeit dieser Fraktion war und blieb aber weiter ganz kompromißlerisch. [Vgl. „Die Lehre des 24. März", Dokument 19.] Ledebour verteidigte im Reichstage am 15. Januar 1916 das Recht Deutschlands „auf das freie Meer", worauf die Spartakusgruppe in einem ausführlichen von Marchlewski verfaßten Flugblatt : „Unterseebotkrieg, Völkerrecht und Völkermord" [Dokument 20] antwortete. Die Arbeitsgemeinschaft begeisterte sich weiter für Besitzsteuern, trotzdem auch diese Besitzsteuern zur Verlängerung des Krieges dienten. Rosa Luxemburg hatte bereits in dem oben zitierten Artikel für die Leipziger Volkszeitung die Bewilligung von direkten Steuern für den Militarismus als Opportunismus gebrandmarkt. Jetzt, wo es sich um die Verwendung aller Steuern für ausgesprochene Kriegszwecke handelte, hätte der Arbeitsgemeinschaft eine richtige Stellungnahme noch leichter fallen müssen als dem Kautsky’schen Zentrum im Jahre 1913. Das wiederum von Marchlewski verfaßte Flugblatt „Die Steuerfrage“ (Document 21) mußte deshalb den Arbeitern den alten sozialistischen Grundsatz „dem Militarismus keinen Mann und keinen Groschen“ auch in bezug auf direkten Steuern auseinandersetzen.

21. Auf einer neuen Reichskonferenz, die Mitte März 1916 in Berlin stattfand, wurden die organisatorische Zusammenfassung der Spartakusgruppe und ihre Aufgaben eingehend besprochen. Die dort an-genommenen Resolutionen bezeichnen im einzelnen die Stellungnahme der Spartakusgruppe zu Zimmerwald und zu den politischen Problemen der Kriegszeit. (Vgl. Spartakusbriefe. Neudruck Bd. I, Seite 99 ff.)

22. Als die Delegierten der 2. Zimmerwalder Konferenz sich noch auf der Rückreise befanden, war der rührigste Revolutionär und Agitator des Spartakusbundes den Schergen des deutschen Militarismus in die Hände gefallen. K a r l L i e b k n e c lı t hatte zu Demonstrationen am 1. Mai 1916 aufgerufen (vergleiche das von ihm verfaßte Flugblatt : „Auf zur Maifeier I“, Dokument 22] und war an der Spitze der Demonstration auf dem Potsdamer Platz verhaftet worden. Ihn schützte nicht die Immunität als Reichstags- und Landtagsabgeordneter. Der Reichstag selbst erteilte bereitwillig die Genehmigung zur Verhaftung und Verurteilung. Schmählicher als die Haltung der Liberalen und der Konservativen war dabei die der sozialdemokratischen Durchhaltepolitiker. David erdreistete sich, Karl Liebknecht zu entschuldigen : Ein Hund, der laut bellt, beiße nicht. Rosa Luxemburg antwortete auf diese Infamie in einem Flugblatt „Hunde politik“ [Dokument 23], dessen Sätze die verlogenen Mehrheitssozialisten wie Peitschenhiebe trafen. Zur revolutionären Ausnutzung der Verhaftung Liebknechts gab der Spartakusbund eine ganze Reihe von Flugblättern heraus [ Dokument 24 : „Was ist mit Liebknecht“, aus der Feder Rosa Luxemburgs. Dokument 25 aus der Feder Franz Mehrings]. Gleichzeitig bereitete der Spartakusbund eine Demonstration am Tage des Prozesses Liebknechts vor. Um die Vorbereitungen zu stören, wurden Rosa Luxemburg, Franz Mehring, wie schon vorher Marchlewski. in Schutzhaft gesteckt. Kurz vor der Demonstration wurde auch eine große Zahl von Vertrauensleuten des Spartakusbundes und der Arbeitsgemeinschaft, die in den Betrieben für den Streik agitierten, ins Gefängnis geworfen.

23. Trotzdem kamen Demonstrationen am Vortage der ersten Ver- urteilung zu 2 1/2 Jahren Zuchthaus, und am Tage des Prozesses Selbst ein großer Proteststreik in der Munitionsindustrie Berlins und Braunschweigs zustande, (Vergleiche das Flugblatt : 21, Jahre Zuchthaus“, Dokument 26.) Dem nach Rach2 dürstenden Militärbehörden genügte diese Verurteilung nicht. In zweiter Instanz wurde Liebknecht zu 4 Jahren Zuchthaus und 12 Sechs Jahren Ehrverlust verurteilt. Kurz vor der letzten Verhandlung Setzte der Spartakusbund in einem neuen Flugblatt der Arbeiterschaft noch einmal auseinander, wofür Liebknecht kämpfte und weshalb er zu Zuchthaus verurteilt wurde (Dokument 27) und forderte erneut zu einer Demonstration auf (Dokument 28). Unter dem Eindruck dieser Demonstrationen und der wachgenden Unruhe der Arbeiter Schwangen Sich die Regie- rungssozialieten zu einer „Friedenspetition“ auf, die von der Spartakusgruppe als „Petition gegen den Frieden“ (vgl. Dokument 29) unbarmherzig zerpflückt wurde.

24. Die Verschärfung der militärischen, wirtschaftlichen und politischen Lage in Deutschland führte die Machthaber zu dem Versuch, die gesamte männliche Bevölkerung in Form des „Vaterländischen Hilfsdienstes" zu militarisieren und unter die Knute zu bringen. Durch ein aar soziale Schutzbestimmungen suchte man auch die Sozialdemokratie zu ködern. Welche Wirkungen dieses, im Dezember 1916 mit Zustimmung der SPD. angenommene Gesetz haben würde, sagte das Flugblatt des Spartakusbundes : „Deutschland - ein fertiges Z u c h t h a u s I" [Dokument 30] richtig voraus. Im Winter 1916/17 trat dazu eine so unerhörte Not an Nahrungsmitteln ein, daß es in verschiedenen Orten zu Lebensmittel-Pünderungen kam. Das Flugblatt : „Hunger !" [Dokument 31] ist ein Beispiel dafür, wie die Spartakusgruppe auch diese Wirkung des Krieges zur Aufklärung und Mobilisation der Massen auszunutzen suchte.

25. Trotz der zahlreichen Verhaftungen im Sommer 1916 entfaltete die Spartakusgruppe eine immer stärkere Agitation. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht arbeiteten auch vom Gefängnis aus lebhaft mit. Die Kassiber, manchmal umfangreiche Manuskripte, wanderten regelmäßig aus der Zelle in die illegalen Druckereien. Seit September 1916 gelang es Leo Jogiches, die Spartakusbriefe, die bisher nur in Schreibmaschinenabzügen versandt waren, als gedruckte Zeitschrift herauszugeben.

26. Inzwischen war dem Ausschluß der Fraktionsminderheit die Spaltung der Parteiorganisation durch den Sozialdemokratischen Parteivorstand gefolgt. Der Parteivorstand hatte einer Reihe von Organisationen ihre Zeitungen geraubt. Zuletzt auch den Vorwärts, über dessen der Arbeitsgemeinschaft zuneigende Re- daktion er bereits Seit dem Frühjahr 1916 neben der Militär- zensgur einen eigenen parteipolitischen Zensor eingesetzt hatte. Die Arbeitsgemeinschaft fand auch hier nicht den Mut zum offenen Auftreten. Sie wagte nicht einmal die Losung des offenen Boykotts gegen den jetzt völlig militärfromm gewor- denen Vorwärts. Andererseits wurde die Arbeitsgemeinschaft wider Willen durch den Parteivorstand zum Zusammenschluß gezwungen. Ende September 1916 hatte noch der Parteivorstand eine Reichskonferenz einberufen, die scheinbar der Einigung der Gesamtpartei dienen Sollte. Neben den Refe- renten Ebert von der Mehrheit und H aas e von der Arbeitsgemeinschaft trat dort Käte Dunker für die Spartakusgruppe auf ; die Basis ihres Korreferats war die grundsätzliche Ab- lehnung der Vaterlandsverteidigung. Aber Schon zwei Wochen Später nahm der Parteivorstand gewaltsam den Vorwärts in Besitz. Endlich entschloß Sich die Arbeitsgemeinschaft, eine von der Spartakusgruppe länget geforderte Konferenz aller oppositionellen Gruppen") aus dem ganzen Reiche für Anfang 1917 nach Berlin einzuberufen.

27. Die Spartakusgruppe entschloss sich damals noch nicht zur offenen Losung der Spaltung von der SPD. Aber die von ihr aufgestellten Richtlinien ihres Auftretens auf der Konferenz (vergleiche die von Jogisches verfaßten Dokumente 32 und 33) bereiteten faktisch die Spaltung vor. Der Spartakusbund verlangte nicht nur Beitragssperre gegenüber dem Parteivorstand, selbständige Aktionen und Organisierung einer Gewerkschaftlichen Opposition mit einem eigenen Gewerkschaftsblatt, sondern erklärte auch grundsätzlich :

„Die Zugehörigkeit zu der gegenwärtigen Sozialdemokratischen Partei darf von der Opposition nur solange aufrecht erhalten werden. als diese ihre selbständige politische Aktion nicht hemmt. noch beeinträchtigt. Die Opposition verbleibt in der Partei. nur um die Politik der Mehrheit auf Schritt und Tritt zu bekämpfen und zu durchkreuzen. . .“

28. Aber auch gegenüber der Arbeitsgemeinschaft behielt sich die Spartakusgruppe oder „Gruppe Internationale", wie sie sich noch immer nannte, ihre völlige Handlungsfreiheit und ihre gesonderte organisatorische Existenz vor.

Die gleichen Vorbehalte machte die Spartakusgruppe bei dem Eintritt in die Anfang April 1917 in Gotha gegründete Unabhängige Sozialdemokratie Deutsch- lands. Die Meinungen über die Zweckmäßigkeit des Eintritts in die USP. waren innerhalb der Spartakusgruppe keineswegs einheitlich. Nicht nur blieben die zur Zimmerwalder Linken zählenden Bremer Linksradikalen der USP, fern ; auch eine ganze Reihe von Spartaknsorganisatiorıen folgten nur widerwillig und zum Teil gar nicht den auf Eintritt lautenden Beschlüssen der Spartakusl-ıonferenz, die kurz vor dem Gründungsparteitag der USP ebenfalls in Gotha stattfand.

29. Zwar hat die Spartakusgruppe ihre organisatorische Selb- Ständigkeit und ihre politische Handlungsfreiheit auch nach dem Eintritt in die USP. voll bewahrt, aber auf der letzten Reichs konferenz der Spartakusgruppe Anfang Oktober 1918 war die allgemeine Ueberzeugung so, wie sie in dem Bericht über diese Konferenz (im letzten Spartakusbrief vom Oktober 1918) formuliert wird : ;

„Es wurden die Erfahrungen über die Zusammenarbeit mit der Unab- hängigen Partei ausgetauscht, Günstige Erfolge Sind in keinem Orte mit der USP. gemacht worden. Nur in den Orten, wo sich die Organisation der USP. völlig in den Händen von Spartakusanhängern befinden, Sind die Genossen mit dem in Gotha vollzogenen Zusammenschluß zufrieden.“

30. Ähnlich hatte Sich Schon Franz Mehring in Seinem Brief an die Bolschewiki vom 3, Juni 1918 (erschienen in der Peters- burger „Prawda“ vom 13, Juni) ausgesprochen :

„im Gegengatz zu der Unabhängigen Sozialdemokratie hat die Gruppe Internationale gleich bei Beginn des Krieges allen Illusionen Valet gesagt und in ihren Thesen und anderen programmatischen Erklärungen nie vergessen, daß nach dem schrecklichen Zusammenbruch vom 4. August 1914 -der völlige Neuaufbau der Internationale möglich und notwendig ist...

Nur einen Fehler haben wir gemacht, nämlich den, daß wir nach Gründung der Organisation der Unabhängigen Sozialdemokratie uns ihr angeschlossen haben, selbstverständlich unter Wahrung unseres eigenen Standpunktes, in der Hoffnung, daß es uns gelingen wird, Sie vorwärts zu treiben. Auf diese Hoffnung haben wir schon lange verzichten müssen.“ (Zitiert nach der Leipziger Volkszeitung vom 4. Juni 1918.)

31. Der Gründungsparteitag der USP. in Gotha stand schon Stark unter dem Einfluß der russischen Februarrevolution von 1917. Aber man verabsäumte es dort, die Lage in Rußland zu analysieren und die entsprechenden Lehren zu ziehen. Die USP.-Führer brachten nicht mehr auf als ein paar Sympathie-erklärungen. Aber sie dachten nicht daran, die Konsequenzen für Deutschland zu ziehen. Die Losung der Republik durch Revolution oder gar der proletarischen Diktatur blieben unausgesprochen, Am 8. April schrieb das Mitteilungsblatt der Arbeitsgemeinschaft bzw. USP. für Berlin wörtlich folgendes :

„Darum ist es auch falsch, die revolutionären Mittel des eigenen Landes Schematisch auf ein anderes Land übertragen zu wollen... Wir haben mit anderen Verhältnissen zu rechnen als drüben in Rußland ; der Kampf um unsere innere Freiheit muß daher andere Formen annehmen. Dieser Kampf hat in diesen Tagen unter dem moralischen Eindruck der Vorgänge in Rußland auf parlamentarischen Boden eingesetzt.“

32. Rosa Luxemburg antwortete darauf in den Spartakusbriefen vom Mai 1917 treffend. „Also ein unzweideutiges Bekenntnis zu der Weisheit : In Rußland macht man Revolutionen, in Deutschland hingegen „kämpft“ man im Reichstag.“

33. Die Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts wurde vom Landtag abgelehnt. Auf einen Massenstreik Berliner Arbeiter vom April 1917 folgten nur leere Versprechungen der Regierung auf erhöhte Nahrungsmittel-Rationen (vergleiche Dokument 34). Für das Volk hieß es trotz russischer Revolution so, wie die Ueberschrift eines illegalen Flugblattes lautete : „Weniger Brot, keine Rechte, neue Steuern“ (Dokument 35). Und wo gar revolutionäre Soldaten sich politisch betätigten, wurden sie blutig bestraft. Selbst die Erhebung der Matrosen im Sommer 1917, die mit der Erschießung von Reichpietsch und Köbis endete, fand indessen bei den Abgeordneten der USP. eine so lahme und feige Verteidigung, daß sie einer Verurteilung gleichkam. Der Spartakusbund dagegen trat offen für diese Vorläufer der Novemberempörer ein (vgl. Dokument 36).

34. Ernster als die USP. faßte der Spartakusbund die Februarereignisse in Rußland auf. Er gab neben verschiedenen Flug- blättern (vgl. Dok. 37 u. 38) ein Sonderheft der Spartakusbriefe über die Februarrevolution heraus, das neben Dokumenten einen Leitartikel ,,Der alte Maulwurf " über die allgemeine Bedeutung der Februarrevolution enthält. Rosa Luxemburg sucht in ihren Artikeln über die russische Revolution die keineswegs immer richtige Analyse der Situation zu einem Appell an die revolutionäre Aktionsfähigkeit auszumünzen. Es gibt keinen anderen Weg zum Frieden , als die Revolution - diesen Satz variiert sie immer wieder, um die deutsche Arbeiterschaft aufzurütteln. Gleichzeitig reizen sie die Vorgänge in Rußland zu immer neuen Erklärungen und Voraussagen . So beschäftigt sie sich in dem Spartakusbrief vom August 1917 unter dem Titel : ,,Brennende Zeitfragen " in einem besonderen Abschnitt mit der notwendigen Entwicklung der russischen Revolution zur Diktatur des Proletariats und erklärt da- bei, also mehr als drei Monate vor der Novemberrevolution, wörtlich folgendes :

„Das neue Koalitionsministerium wird kraft der inneren logischen Entwicklung über kurz oder lang einer rein Sozialistischen Regierung, d. h. der tatsächlichen und formellen Diktatur des Proletariats Platz machen müssen “

35. Die vollständig richtige Erkenntnis der Entwicklung in Ruß- land wurde Rosa Luxemburg allerdings verwehrt durch die Ab- lehnung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, die Ver- neinung der Möglichkeit der Aufrechterhaltung der proletari- Schen Diktatur in einem Lande ohne Sofortige Weltrevolution und durch die Verkennung der revolutionären Wirkungen des Friedens von Brest-Litowsk auch für Deutschland.

36. Diese Fehler gehen aus dem Spartakusbrief vom Januar 1918 trotz der auch darin enthaltenen Anerkennung für die Leistungen der Bolschewiki deutlich hervor. Wie glänzend Rogsa Luxemburg dennoch die Tat der Bolschewiki im revolutionären Sinne auszunützen verstand, zeigt der Artikel : „Die geschichtliche Verantwortung“ in der gleichen Num- mer der Spartakusbriefe.

37. Daß Rosa Luxemburg’s Kritik an den Bolschewiki keineswegs von allen Spartakus Anhängern geteilt wurde, zeigt die von mir als dem damaligen Herausgeber der Spartakusbriefe geschriebene redaktionelle Anmerkung zu ihrem Artikel. “ Die russische Tragödie“ aus den Spartakusbriefen vom September 1918, worin ich von der Kritik Rosa Luxemburgs abrückte, was der allgemeinen Stimmung in den Spartakus kreisen entsprach.

38. Kennzeichnender für die Spartakusgruppe als die Kritik Rosa Luxemburgs an den Bolschewiki in den illegalen Spartakusbriefen waren die uneingeschränkten Solidaritätserklärungen Franz Mehrings und Klara Zetkins mit den Bolschewiki in den legalen Presse, Ende Mai und Anfang Juni 1918 veröffentlichte Franz Mehring in der Leipziger Volkszeitung vier Artikel : „Die Bolschewiki und wir“, worin er nachwies, daß die weltgeschichtliche Leistung der Bolschewiki als eine Durchführung und Fort- Setzung des Marxismus durchaus zu begrüßen und zu unter- Stützen ist. Mehring verteidigte in diesen Artikeln die Unterzeichnung des Friedens von Brest - Litowsk mit folgenden Worten :

„Will man den Bolschewiki einen Vorwurf daraus machen, daß sie den Krieg nicht fortgesetzt haben, statt Sich dem Frieden zu Brest-Litowsk zu unterwerfen, so muß man nachweisen können, daß die Fortsetzung des Krieges eine europäische Revolution hervorgerufen haben würde. Wer legen Nachweis führen zu können glaubt, der mag den ersten Stein auf die Bolschewiki werfen, Aber bisher ist der Nachweis noch nicht einmal Versucht, geschweige denn geführt worden, daß diese einzige Voraussetzung eines Erfolges auch nur im Bereich einer entfernten Möglichkeit gelegen hätte, Fehlte sie aber, so wäre die Fortführung des Krieges auf ein Verbluten der russischen Revolution hinausgekommen — zugunsten des Imperialismus der Entente, den die Bolschewiki mit Recht nicht minder hassen als den Imperialismus der Mittelmächte.“ (Leipziger Volkszeitung vom 1. Juni 1918.)

39. In Seinem Schlußartikel äußert Sich Mehring dahin : :

„Selbst wenn man von allem Sozialismus absieht, muß schon jeder, der einen demokratischen Verständigungsfrieden nicht bloß mit dem Maule wünscht, die Befestigung und Erhaltung der bolschewistischen Herrschaft in Rußland aufs dringendste zu fördern Suchen ; von einem solchen Frieden unaufhörlich zu Schwatzen und dabei einen dicken Trennungsstrich zwischen Sich und die Bolschewiki zu ziehen, ist der Gipfel jener hoffnungslosen Konfusion, den nur Scheidemann und Seine Gefolgschaft zu erklimmen vermag. Die Bolschewiki sind die einzige russische Partei, die vollkommen Bürgschaft für einen demokratischen Verständigungsfrieden bietet, die vollkommen hieb- und stichfest ist gegen allen und jeden Imperialismus, gegen den englischen Imperialismus nicht minder als gegen den deutschen.“ (Leipziger Volkszeitung vom 17, Juni 1918.)

40. In dem schon erwähnten Schreiben Mehrings vom, 3. Juni 1918 heißt es zum Schluß :

" Ich schreibe diesen Brief, indem ich einem Wunsche nachkomme, der wiederholt aus den Kreisen der Gruppe Internationale geäußert worden ist : um unseren russischen Freunden und Gesinnungsgenossen zu Sagen, daß wir mit ihnen allen durch die Bande leidenschaftlicher und tiefster Sympathie verbunden ind, und daß wir in ihnen und nicht in den Gespenstern der „alten erprobten Taktik“ die stärksten Vorkämpfer der neuen Internationale erblicken.“

41. Ganz ähnlich hat : Sich wiederholt Klara Zetkin öffentlich, z. B. in Artikeln der Frauenbeilage der Leipziger Volkszeitung geäußert : Sie Sandte außerdem an eine Konferenz der USP., an der sie persönlich nicht teilnehmen konnte, einen ausführlichen Brief ; in dem Sie in leidenschaftlicher Sprache für die Bolschewiki und gegen die Kritik der Martow, Kautsky, Ströbel an den Bolschewiki. auftrat. In diesem Brief verteidigt sie die Auflösung der Konstituante, den Frieden von Brest-Litowsk, den roten Terror, wie überhaupt die gesamte Politik der Bolschewiki. Die ersten und die Schluß-Sätze dieses Briefes fassen ihre Stellung dahin zusammen :

„Mit Entschiedenheit und Sympathie bin ich für die Bolschewiki eingetreten, je klarer und befestigter in mir die Erkenntnis wurde von dem großen geschichtlichen Wesen und der weitreichenden Bedeutung des kühnen bolschewistischen Unterfangens. Ich erblicke und bewerte in diesem den zur Faust zusammengeballten, den tatgewordenen Willen, sozialistische Auffassung, Sozialistische Grundsätze von den gesellschaftlichen Dingen aus dem luftigen Reich der Ideen in die harte Wirklichkeit zu übertragen, die Entwicklung eines ganzen großen Volkes auf dem kürzesten Wege plan- mäßig, bewußt in der Richtung zur Sozialistischen Ordnung zu orientieren, ,.
Das Werk der Bolschewiki muß als Ganzes betrachtet und gewürdigt werden ; als die konsequente Auswirkung eines zersetzenden Willens. Der heutige Stand der revolutionären Dinge in Rußland ist die konsequente Fortentwicklung der Novemberrevolution, ist das Ausleben der Grundsätze, von denen ihre Vorkämpfer und Führer geleitet wurden, der Taktik und Methoden, die Sie zur Anwendung bringen.“ (Zum Teil erschienen in der Frauenbeilage der- Leipziger Volkszeitung.)

42. Es Sei hier gleich vorweggenommen, daß der Spartakusbund jederzeit für die Bolschewiki eine uneingeschränkte Pro- paganda machte. So verbreitete er die von Bucharin verfaßten und in Kopenhagen gedruckten) „Thesen über die sozialistische evolution (Dokument 53).

43. Die Schlußfolgerungen, die der Spartakusbund aus den revolutionären Vorängen in Rußland zog, war die planmäßige Vor- bereitung der Revolution in Deutschland. (Vergl. „Die Stunde der Entscheidung“, Dokument 39.)

44. Die erste praktische Auswirkung fand die russiSche Ok- toberrevolution in Deutschland in dem großen Massenstreik vom Januar 1918 zur Zeit von Brest-Litowsk. Hier zeigte Sich die illegale Leistungsfähigkeit des Spartakusbundes auf Seiner ganzen Höhe, Innerhalb weniger Tage brachte der Spartakusbund eine ganze Anzahl von Flugblättern heraus, von denen wir nur Sieben (Dokument 40 bis 46) abdrucken. Zwar kogstete dieser Streik dem Spartakusbund eine große Zahl von Opfern, deren schmerzlichstes die Verhaftung des Hauptorganisators des Spartakusbundes, des Genossen Leo Jogiches im März 1918 war, Aber dieser Streik war zugleich die erste große Kraftprobe der revolutionär gestimmten Arbeiterschaft mit dem deutschen Imperialismus, ein Wetterleuchten, das bereits die revolutionären Novembertage Deutschlands ankündigte. Die organisatorische Vorbereitung dieses Streiks lag zum größten Teil in den Händen der mehr unter dem Einfluß der USP. Stehenden revolutionären Obleute Groß-Berlins, einer Art vorrevolutionären Arbeiterrats. Die Sozusagen parlamentarische Führung des Streiks hatten einige USP.-Abgeordnete wie Haage und Dittmann ; und selbst einige Sozialdemokraten und Gewerk- Schaftsführer nahmen Sich scheinbar der Streikenden an, aller- dings, um, wie Wels im Magdeburger Ebert-Prozeß im Jahre 1925 zynisch bekannte, die Bewegung abzuwürgen, oder wenigstens in das ruhige Fahrwasser eines rein wirtschaftlichen Streiks ohne politiseche Konsequenzen zu leiten. Aber die USP. onnte aus dem Streik nicht allzu viel gewinnen, weil ihr ’ührer Dittmann, der während des Streiks verhaftet wurde, Sich vor dem Kriegsgericht so Schmählich benahm, daß er zwar anders wie Liebknecht mit einer Festungsstrafe davonkam, aber ür auch das Vertrauen der revolutionären Arbeiter zu sich und der USP-Führung einbüßte.

45. Im Laufe des Jahres 1918 galten die Hauptanstrengungen es Spartakusbundes in engster Verbindung mit den Berliner revolutionären Obleuten der Bewaffnung von proletarischen Stoßtrupps zur Vorbereitung des bewaffneten Umsturzes. Der Boden für die revolutionäre Propaganda war bereits 50 gelockert, daß es den Provinzorganisationen des Spartakusbundes verhältnismäßig leicht fiel, mit eigenen Kräften ohne Unterstützung der Zentralstelle Flugblätter herauszugeben, Zentrale und Provinzorganisationen widmeten Sich jetzt auch eifrig der Agitation unter den Soldaten in der Kaserne, in der Etappe und im Schützengraben. Beispiele der Soldatenpropaganda sind neben dem Streikaufruf (Dokument 43) das Flugblatt : „Der deutsche Soldat als Henker der Freiheit“ (Dokument 47) vom Frühjahr 1918 und der Aufruf : Kameraden erwacht !“ (Dokument 48) vom Sommer 1918, In den Flugblättern kehrt immer häufiger die Forderung des revolutionären Massenstreiks wieder (vgl. Dokument 49), der als Vorbereitung es revolutionären Aufstandes gedacht war. Sobald die Sozialdemokratie in die Regierung eintritt, wirft Sich der Spartakus- und diesem neuen Verwirrungsversuch an den Massen entgegen und beweist an der Hand der Erfahrungen über die Sabotage der Amnestie, wie es mit der Demokratie der neuen Volksregierung aussieht (vgl. Dokumente 50 bis 52).

46. Diese Propaganda wird in den mehr theoretisch gehaltenen Spartakusbriefen ergänzt durch eine ätzende Kritik der Friedensillusionen der USP., die sich, je verzweifelter die militärische Lage Deutschlands wurde, zusammen mit den Rechts- Sozialisten ganz auf den Boden der Wilsonschen Täuschungspolitik stellte (vergleiche den Artikel : „Friedensbedin-gungen“ aus den Spartakusbriefen vom Oktober 1918).

47. Seit der Anwesenheit der russischen Botschaft in Berlin drangen jetzt auch Schriften Lenins, Trotzkis und Bucharins in deutscher Sprache nach Deutschland und wurden in den Spartakuskreisen eifrig verbreitet. Von Genossen Bucharin wurden daneben für die deutschen Arbeiter spezielle Thesen über die Sozialistische Revolution und die Aufgaben des Proletariats während Seiner Diktatur in Rußland verfaßt (Doku- ment 53).

48. Anfang Oktober kam in Erwartung der unmittelbar bevorstehenden revolutionären Ereignisse die organisatorische Annäherung zwischen dem Spartakusbund und den „Linksradikalen Deutschlands“ (Gruppen in Hamburg und Bremen) auf einer gemeinsamen Konferenz in Berlin zustande (vergleiche ihren gemeinsamen Aufruf, Dokument 54). Sobald der revolutionäre Aufstand der Matrosen in Nordwestdeutschland (vgl. Dok. 55 und 56) ausbrach, wird die Forderung der Rätediktatur der Zentralpunkt der Spartakusorganisation (vergleiche den Aufruf vom 7, November, Dokument 57), Diese Forderung trennte auch nach dem Sturz der Monarchie in Deutschland den Spartakusbund von der SPD,, die Sich bewußt auf den Boden der bürgerlichen Demokratie stellte, und von der USP,, die in ihrer Konfusion eine Versöhnung des Sowjetsystems und des bürger- lichen Parlamentarismus propagierte. Mit diesem Flugblatt endete die glorreiche Tätigkeit der Spartakusgruppe während der Kriegszeit.

49. Die Flugblätter des Spartakusbundes in der Revolution werden in einem besonderen Bande gesammelt erscheinen. Beide Teile zusammen bilden — neben dem Neudruck der Spartakusbriefe — eine Ergänzung zu meiner in Kürze erscheinenden „Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands“.

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